Echium – Natternkopf

(Pflanzenfamilie: Boraginaceae – Raublattgewächse)

Echium vulgare – Gewöhnlicher Natternkopf, Blüten
Echium vulgare – Gewöhnlicher Natternkopf

Echium geht stark in Richtung Wildnis, meinen Sie? Nun ja, es kommt ganz darauf an, welches man pflanzt und wie man es pflanzt. Welches Ziel man also verfolgt.

Die Rede ist hier von den in Mitteleuropa einheimischen Arten Echium russicum und Echium vulgare, die ruhig mehr in die Gärten und vielgestaltige Pflanzungen Einzug halten dürften. Die ebenso monströsen wie dekorativen E. candicans oder E. piniana aus südlichen Ländern, die gelegentlich als Kübelpflanzen für Balkon und Terrasse angeboten werden, sind nicht gemeint.


Echium russicum – Russischer Natternkopf

Der Russische Natternkopf ist ein Kompromiss für diejenigen, die zwar mit Wildpflanzen Insekten anlocken möchten, jedoch Wert auf geordneten Wuchs sowie einen hohen Ziercharakter und das Besondere legen.

Von Österreich ostwärts bis in den Norden der Türkei und hinauf über den Kaukasus bis nach Russland erstreckt sich das natürliche Verbreitungsgebiet dieser – trotz des etwas steifen und sparrigen Erscheinungsbildes – Schönheit. Sie wächst dort auf steinigen, steppenartigen Flächen und in lichten Kiefernwäldern. Die Naturstandorte geben damit den idealen Platz für Echium russicum in Gartenkultur vor: den Steingarten. Ein Standort im Beet ist möglich, allerdings nur, wenn der Boden abgemagert wird (weil normaler Gartenboden in der Regel zu viele Nährstoffe enthält). Üppige Nährstoffversorgung quittiert der Russische Natternkopf mit früh- und vorzeitigem Ableben.

E. russicum ist ein Tiefwurzler, der sich alles, was er an Feuchtigkeit braucht, von ganz unten holt. Zusätzliches Gießen gut eingewachsener Pflanzen ist deshalb selbst in trockenen Jahren nicht nötig. Im Gegenteil: Nur in regenreichen Jahren muss man um ihn bangen.

Wichtigste Voraussetzung für seine dauerhafte Ansiedelung ist daher – neben dem mageren Boden – ein gut dränierter Standort. Helfen Sie notfalls nach, indem Sie vor dem Pflanzen ein ca. 50 cm tiefes Loch (etwa 40x40 cm) am gewünschten Standort ausheben, einen Teil des Aushubs mit Sand und Splitt vermischen und das Loch damit auffüllen. Das Substrat sollte sich einige Tage setzen dürfen, ehe Sie pflanzen. Mit dieser Aktion sorgen Sie automatisch auch für mageren Boden.

Unter solchen Bedingungen ist der Russische Natternkopf mehrjährig und winterhart. An "schlechten" Plätzen verliert man ihn bereits nach kurzer Zeit. (Bei mir waren's zwei Jahre.)


Echium russicum – Russischer Natternkopf

Wuchshöhe: 60-80 cm
Blütenfarbe: weinrot
Blütezeit: Juni, Juli, August
Lichtverhältnisse: sonnig
Bodenverhältnisse: trocken-frisch
Verwendung:
Hinweis: bevorzugt nährstoffarmen Boden


Echium vulgare – Gewöhnlicher Natternkopf

Echium vulgare – Gewöhnlicher Natternkopf mit Blutroter Heidelibelle
Echium vulgare mit Blutroter Heidelibelle

In einem Dorado für Wild­bienen und die Insekten­welt allge­mein darf der Gewöhn­liche Nattern­kopf nicht fehlen. Sein Pollen wurde bei sage und schreibe 39 Wild­bienen-Arten in Deutsch­land als Larven­proviant in den Nestern gefunden. Darunter sind zwei Mauer­bienen-Arten (Osmia), die auf Echium vulgare als Pollen­quelle ange­wiesen sind. Über alle 39 hier etwas zu erzäh­len, führte zu weit. Interessierte erfah­ren jedoch am Ende dieser Seite Näheres zu den zwei speziali­sierten Bienen-Arten.

In Naturgärten
Naturgarten:
Ein Garten, der ausschließlich mit heimischen Pflanzen angelegt ist.

, naturnahen Gärten
Naturnaher Garten:
Ein Garten, der weitgehend unter Verwendung von heimischen Pflanzen angelegt ist.

sowie Wild­stauden­pflanzungen
Wildstaudenpflanzungen:

Pflanzungen, die unter Verwendung von heimischen und nicht heimischen Pflanzen – keine Züchtungen – weitgehend sich selbst überlassen werden; der Gärtner greift nur gelegentlich ordnend ein. Eine Wildstaudenpflanzung kann sich über den ganzen Garten erstrecken oder auf einzelne Bereiche beschränken.

dürfte dieses in Deutsch­land ein­heimische Echium (im Stadtstaat Hamburg stark gefährdet, aber insgesamt nicht gefährdet und nicht besonders geschützt, Stand Februar 2019) sowieso schon vertreten sein. Wo es vermutlich (noch) fehlt, das sind Gärten mit sorgfältig geplanten, angelegten und gepflegten Beeten und Strukturen. Auch in diese Anlagen lässt sich der Gartenvagabund Echium vulgare problemlos integrieren, ohne das Gesamtbild zu beeinträchtigen. Dass er nur zweijährig ist, kann man sich zunutze machen und ihn als "Lückenbüßer" einsetzen, wo die eigentlich gewünschten Pflanzen noch recht klein sind oder eine Umgestaltung "überalterter" Beete aus Zeit- oder sonstigen Gründen noch etwas warten muss.

Echium vulgare – Gewöhnlicher Natternkopf mit Honigbiene
Echium vulgare mit Honigbiene

Farblich sollte es halt passen, aber außer mit kräf­tigen, klaren Rot­tönen lässt sich der Gewöhn­liche Nattern­kopf mit allen Farben kombi­nieren. Seine Blüten sind selbst recht farben­froh, blühen rosa auf und werden später leuch­tend blau (vielleicht kennen Sie das vom Gewöhn­lichen Lungen­kraut – Pulmonaria officinalis). Braucht man mehr Echium (das wäre für die Wild­bienen eben­falls wichtig), lässt man die Pflanzen aus­säen und ver­zichtet auf den Rück­schnitt der Triebe nach der Blüte. Sämlinge (leicht zu erkennen an den Blattrosetten mit langem, schmalem, spitz zulaufenden und rau behaarten Laub) können verpflanzt werden, solange sie noch klein sind, später ist das wegen der Pfahlwurzel nicht mehr möglich.

Einen Versuch ist Echium vulgare allemal wert. Pflanzen, die praktisch keine Pflege brauchen, sind doch immer willkommen!


Echium vulgare – Gewöhnlicher Natternkopf

Wuchshöhe: 60-100 cm
Blütenfarbe: blau mit purpur, im Aufblühen rosa
Blütezeit: Juni, Juli, August
Lichtverhältnisse: sonnig
Bodenverhältnisse: trocken-frisch
Verwendung: Naturgarten; Wildstaudenpflanzungen
Hinweis: Pollenlieferant für viele Wildbienen


Altes Weibchen von Osmia bicornis an Abelia mosanensis
Osmia-bicornis-Weibchen an Abelia mosanensis

Echium vulgare und Wildbienen

Mit allen Interessierten mache ich jetzt noch eine kurze Exkur­sion zu den Wild­bienen.

In den Nestern von 39 verschie­denen Wild­bienen-Arten aus mehreren Gattungen wurde Pollen von Echium vulgare zur Ver­pflegung der Larven nach­gewiesen; um die Brut und damit auch ums Pollen­sammeln kümmern sich übrigens nur die Weib­chen (alle folgen­den Angaben nach Westrich 2018):

Sandbienen:
Andrena gallica (assimilis)
Andrena nigriceps
Wollbienen:
Anthidium strigatum
Pelzbienen:
Anthophora bimaculata
Anthophora crassipes
Anthophora crinipes
Anthophora fulvitarsis
Anthophora plagiata
Anthophora pubescens
Anthophora quadrifasciata
Anthophora quadrimaculata
Keulhornbienen:
Ceratina chalybea
Ceratina cucurbinata
Ceratina cyanea
Maskenbienen:
Hylaeus difformis
Furchenbienen:
Halictus quadricinctus
Holzbienen:
Xylocopa violacea
Schmalbienen:
Lasioglossum albocinctum
Lasioglossum clypeare
Lasioglossum interruptum
Lasioglossum majus
Lasioglossum morio
Lasioglossum nitidiusculum
Lasioglossum nitidulum
Lasioglossum politum
Lasioglossum quadrisignatum
Lasioglossum villosulum
Lasioglossum xanthopus
Blattschneiderbienen:
Megachile maritima
Megachile parietina
Megachile versicolor
Mauerbienen:
Osmia adunca
Osmia anthocopoides
Osmia aurulenta
Osmia bicornis
Osmia caerulescens
Osmia claviventris
Osmia lepeletieri
Osmia mustelina

Echium vulgare – Gewöhnlicher Natternkopf
Echium vulgare – Gewöhnlicher Natternkopf

Die meisten davon sammeln Pollen von vielen verschie­denen Pflanzen­arten (auch aus anderen Pflanzen­familien), zwei Bienen-Arten sind aller­dings auf den Gewöhn­lichen Nattern­kopf als Pollen­quelle ange­wiesen: die Mauer­bienen-Arten Osmia adunca (Nattern­kopf-Mauer­biene) und Osmia anthocopoides. (Osmia lepeletieri sammelt zwar eben­falls nur auf Echium vulgare, doch sie gilt in Deutsch­land schon lange als verschollen; die spare ich mir.)

Osmia anthocopoides ist in Deutschland weit verbreitet, inzwischen jedoch selten geworden. Als Lebensraum dienen ihr felsige Regionen bzw. Gebiete mit Steinaufschüttungen, z. B. alte Steinbrüche, Schotterdämme und Böschungen oder sogar Güterbahnhöfe. An solchen Stellen werden zwischen dem Gestein die Nester angelegt. Große Natternkopf-Bestände ganz in der Nähe sind natürlich Voraussetzung für den Nestbau; schließlich sind sie die einzige Pollenquelle. Flugzeit dieser Mauerbiene ist etwa Anfang Juni bis Mitte Juli, erst im darauffolgenden Jahr taucht die neue Generation auf; die Larven überwintern in den Nestern.

Wesentlich häufiger kommt in vielen Regionen Deutschlands Osmia adunca, die Natternkopf-Mauerbiene vor. Für sie müssen Pollenquelle und Nistgelegenheit nicht so nah beieinander liegen wie für O. anthocopoides (trotzdem noch unter 300 m Luftlinie!).

Echium vulgare – Gewöhnlicher Natternkopf, Blüten
Echium vulgare – Blüte und Knospen

Als Nistplatz dienen dieser Bienen aller­lei vorge­fundene Hohl­räume zwischen Steinen, in Löss-, Lehm- und Fach­werk­wänden, in Tot­holz oder Schilf­halmen. Die Nattern­kopf-Mauer­biene ist daher auch für Nist­hilfen wie Bambus­röhrchen, Stäbe vom Riesen-China­schilf (Miscanthus x giganteus) und Bohrungen in Holz­blöcken in Süd- bis Westlagen zu begeistern (Lochdurchmesser 6 mm, +/- 1 mm).

Naturgemäß fliegt auch diese Bienen-Art während der Blütezeit von Echium vulgare, also in der Regel ab Juni. Wie lange sie unterwegs ist, hängt wiederum von der Blütezeit des Gewöhnlichen Natternkopfes ab (in "normalen" Jahren bis August). Dann ist's vorbei mit ihr, und die neue Generation (eine Generation im Jahr) taucht erst im nächsten Jahr auf; die Larven überwintern in den Nestern.

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist und mehr über Wildbienen und ihre Lebensweise erfahren möchte, dem sei meine Seite Wildbienen im Stauden-Garten ans Herz gelegt.

Literatur:

  • Paul Westrich, Die Wildbienen Deutschlands, Ulmer-Verlag Stuttgart 2018, ISBN 978-3-8186-0123-2
  • Steven Falk, Field Giude to the Bees of Great Britain and Ireland, Bloomsbury Wildlife Guides, 2017, ISBN 978-1-9103-8903-4 (PB)


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