Wildbienen im Stauden-Garten

  • Jeder kann in seinem Garten etwas für Wildbienen (und andere Insekten) tun,
  • kein wildbienenfreundlicher Garten leidet unter Verwilderung oder gar Verwahrlosung!

Lassen Sie sich also nicht verunsichern!

Männchen der Wiesen-Hummel (Bombus pratorum) an Scabiosa columbaria 'Nana'
Männchen der Wiesen-Hummel (Bombus pratorum) an Scabiosa columbaria 'Nana'

Insekten im Allge­meinen und Bienen im Beson­deren sind seit einer Weile bild­lich ge­sprochen in aller Munde. Davon ange­stachelt habe ich begonnen, mich mit den Insekten etwas zu befassen, denn schließ­lich muss ich wissen, was sich bei mir auf dem Grund­stück alles so tummelt, um meinen Garten gezielt als Lebensraum für die Insekten verbessern zu können. Das Erste, was ich dabei gelernt habe:

Weibchen der Wiesen-Hummel (Bombus pratorum) an Veronica teucrium
Weibchen der Wiesen-Hummel (Bombus pratorum) an Veronica teucrium

  • Die Entomo­logie (Insekten­kunde) ist ein Fass ohne Boden.
  • Hummeln sind Wildbienen.
  • Um die Honig­bienen geht es nicht. Unsere heuti­gen Honig­bienen sind Zucht­tiere (hervor­gegangen aus der Bienen­art Apis mellifera) und – das legen wissen­schaft­liche Unter­suchungen nahe – Nahrungs­konkurrenten für andere Insekten, die allein durch ihre Anzahl selbst große Pollen- und Nektar­vorkommen als begrenzte Ressourcen in Windes­eile abernten; die Imkerei ist nichts anderes als Massen­tierhaltung, denn in der Natur und ohne Zutun des Menschen wären Honig­bienen kaum überlebens­fähig.

Wildbienen erkennen und bestimmen

Bei den Wildbienen bin ich dann hängengeblieben, mit denen habe ich mich eingehender (nicht eingehend!) befasst und mir Literatur besorgt.

Honigbiene auf Eranthis hyemalis (Winterling)
Honigbiene auf Eranthis hyemalis (Winterling)

Das größte Prob­lem zu Anfang: Wie unter­scheide ich die Wild­bienen von den Honig­bienen? Bei Hummeln (Gattung Bombus) ist das ob ihrer Größe und meist farben­frohen Behaarung noch vergleichs­weise einfach. Doch unter den ca. 580 im Jahr 2018 in Deutsch­land vorkommen­den Wild­bienen-Arten gibt es auch viele, die in Größe und Zeich­nung den Honig­bienen stark ähneln.

Hier hilft die Flügeladerung weiter, die sogar "im Feld" meist gut zu erkennen ist, wenn eine Biene auf oder in einer Blüte herumturnt. Eine solche Aderung mit drei Cubitalzellen und einer ganz lang gestreckten Radialzelle gibt es nur bei Honigbienen (danke an Andreas Haselböck für diesen hilfreichen Hinweis auf www.naturspaziergang.de):

Honigbienen-Flügel: Die Aderung ist unverwechselbar
Honigbienen-Flügel: Die Aderung ist unverwechselbar

Vespula germanica, die Deutsche Wespe, an Sedum 'Matrona'
Vespula germanica, die Deutsche Wespe, an Sedum 'Matrona'

Kann man Honig­bienen ausschließen, bleibt bei manchen größeren gelb-schwarzen Arten noch die Verwechs­lungs­gefahr mit Wespen, zum Bei­spiel mit den Sozialen Falten­wespen wie der Deutschen Wespe (Vespula germanica) oder der Gemeinen Wespe (Vespula vulgaris). Bienen sind meist pummeliger als Wespen, das sollte man sich merken. Bei ganz vielen kleinen Arten weiß man hingegen nicht, sind's Bienen oder vielleicht Grabwespen? Oder ganz was anderes?

Draußen im Garten lässt sich vielfach nicht mehr sagen als "Es summt und brummt.", doch selbst anhand von (guten) Fotos ist eine Bestimmung selten möglich. Dafür sorgen nicht zuletzt die Entomologen, die die Insekten bei der Einteilung (Familien, Gattungen, Arten etc.) noch feiner aufdröseln als Botaniker die Pflanzen; Arten unterscheiden sich deshalb oft bloß durch nur unter dem Mikroskop sichtbare Details oder gar durch die Genitalien. Für solche "Untersuchungen" mussten und müssen die Tiere getötet werden (wozu es bei uns inzwischen einer Genehmigung bedarf, denn Wildbienen sind alle besonders geschützt). Ob der Nutzen dieses Vorgehens den Schaden – die Dezimierung der Insekten – überwiegt? Die Entomologen sagen Ja!

Dass Männchen und Weibchen bei den meisten Arten recht unter­schiedlich aussehen, erleichtert die Sache nicht. Also: Das Bestimmen der Arten ist Laien so gut wie unmöglich, nur ein paar vereinzelte sind einigermaßen "unver­wechsel­bar", zumal wenn sie ganz beson­ders farben­froh behaart sind. Aber Achtung: Bei älteren Exemplaren können die Farben ausgebleicht und/oder die Behaarung abgewetzt sein! Manchmal gelingt es jedoch, zumindest die Gattung zu erkennen, zu der eine Biene gehört.

Bei einigen Wildbienen-Arten hilft dabei die Pollenbürste auf der Unter­seite des Hinter­leibs der Weib­chen, mit der die Pollen zur Larven­versorgung gesammelt und ins Nest transportiert werden (andere Bienen-Arten sammeln Pollen im Kropf oder an den Hinterbeinen wie die Honigbienen und – ganz wichtig – nur die Weibchen sammeln Pollen und kümmern sich ums Nisten).

Anthidium manicatum mit gut sichtbarer Pollenbürste
Anthidium manicatum mit gut sichtbarer Pollenbürste

Diese Bürste mit nach hinten gerich­teten, abstehenden Haaren ist recht gut sicht­bar und so eine Bauch­bürste haben die Weib­chen der Arten in den Gattungen Anthidium (Woll- und Harz­bienen), Chelostoma (Scheren­bienen), Heriades (Löcher­bienen), Lithurgus, (Stein­bienen), Megachile (Blatt­schneider­bienen) sowie Osmia (Mauer­bienen). Diese Bienen-Arten haben außerdem nur zwei Cubital­zellen in der Flügel­aderung.

Am leichtesten lassen sich Bienen jedenfalls beobachten und fotografieren (und eventuell sogar zuordnen), wenn sie in Blüten oder an Pflanzenstängeln schlafen.

Mit deutschen Namen kommen Sie bei den Wildbienen übrigens nicht weit: Für die meisten Arten gibt es keine. Immerhin haben es die Bienen-Gattungen zu deutschen Namen gebracht, als da sind:


Bienen-Familien und -Gattungen
Familie: Seidenbienenartige (Colletidae)
ColletesSeidenbienen15 Arten in D
HylaeusMaskenbienen39 Arten in D

Wer sich nicht damit zufriedengeben will, dass es im Garten summt und brummt, der findet unter www.naturspaziergang.de einen recht guten (im Aufbau befindlichen) Wildbienen-Bestimmungsschlüssel für Einsteiger.

Wildbienen und Pflanzen

Vorweg: Es kommt nicht so sehr darauf an, welche Pflanzen den erwachsenen Bienen (Imagines) als Nektarquelle (Pollen wird ebenfalls – zumindest gelegentlich – gefressen) zu ihrer eigenen Ernährung zur Verfügung stehen. Sie könnten im Prinzip von allen Pflanzen leben, die Nektar produzieren. Nicht derart austauschbar sind hingegen diejenigen Pflanzen, die als Pollenquelle für die Versorgung der Larven in den Nestern benötigt werden. Pollen ist die Nahrungsgrundlage der Larven (oft vermischt mit Nektar, Sekreten, Pflanzenöl oder anderem) und seine Herkunft sowie die Qualität entscheiden über die Entwicklung und die Gesundheit der Larven, also den Fortbestand der Art, denn nicht jede Art "verträgt" jeden Pollen.

Colletes similis beim Pollensammeln an Galatella sedifolia 'Nana'
Colletes similis beim Pollensammeln an Galatella sedifolia 'Nana'

Es gibt Wild­bienen-Arten, die als Larven­proviant Pollen von Pflanzen aus (vielen) verschie­denen Pflanzen­familien sammeln (sie sind poly­lektisch, wie sich das wissen­schaftlich nennt). Andere Arten beschränken sich beim Sammeln auf eine Pflanzen­familie (oligo­lektisch nennt sich das) oder gar nur eine (oder ein paar) Pflanzen­gattung aus dieser Familie (die sind streng oligo­lektisch). Das ist wie bei den Schmetter­lingen, deren Raupen ja auch nicht wahl­los an Pflanzen fressen, sondern die fest­gelegte Raupen­futter­pflanzen haben.

Colletes hederae (Weibchen) an einer Efeu-Blüte
Colletes hederae (Weibchen) an einer Efeu-Blüte

Beispiele: Bei der Rot­fransigen Sand­biene, Andrena haemorrhoa, wurde anhand von Pollen­proben aus ihren Nestern nach­gewiesen, dass sie (poly­lektisch) Pollen von Pflanzen aus 15 verschie­denen Pflanzen­familien sammelt. Die Rain­farn-Seiden­biene, Colletes similis, sammelt nur Pollen an Pflanzen aus der Familie der Korb­blütler (Asteraceae), ist also oligo­lektisch, während die Efeu-Seiden­biene, Colletes hederae, gar bloß Efeu-Pollen sammelt und sich damit auf die Pflanzen­gattung Hedera aus der Pflanzen­familie der Aralien­gewächse (Araliaceae) beschränkt – ein streng oligolektisches Pollensammelverhalten. 32 % der in Deutschland nachgewiesenen Wildbienen sind oligolektisch (Westrich 2018).

Wildbienen und Stauden

Colletes hederae (Männchen) an einer Efeu-Blüte
Colletes hederae (Männchen) an einer Efeu-Blüte

Hier können wir Garten­besitzer, Schreber­garten­pächter, Balkon­gärtner (wegen der recht kleinen Fläche leider ledig­lich bedingt und nur bis zum 2. oder 3. Stock) und andere ein­haken. Immerhin bewirt­schaften wir riesige Flächen, wenn man alle Garten­anlagen zusammenrechnet. Wildbienen sammeln Pollen nämlich nicht nur von Pflanzen, die wir landläufig als "Unkraut" bezeichnen, sondern auch an einer Fülle an Stauden, die wir ohnehin schon gern im Garten kultivieren, weil sie einfach schön sind. Niemand braucht sich daher zu sorgen, dass sein Gartenparadies zur Wildnis, zu einer Unkrautflur verkommt, wenn er ihn wildbienenfreundlich bepflanzt. Und mehr Arbeit macht so ein Garten ebenfalls nicht. Einzig der Verzicht auf chemische Spritzmittel aller Art den Insekten zuliebe, der dürfte mit etwas Zusatzaufwand verbunden sein, das gebe ich zu. Das sollte es uns aber wert sein!

Wissenschaftler (die Entomologen) haben in den Nestern von verschiedenen Wildbienen-Arten Pollen unter anderem von 81 Stauden (ein paar Zweijährige bzw. Kurzlebige hab' ich auch dazugenommen) gefunden, die man durchaus mit dem (unseligen) Attribut "gartenwürdig" belegen kann; (nach Westrich 2018 sowie einigen eigenen Beobachtungen).

Stauden als Pollenquellen für Wildbienen

PflanzenfamiliePflanzengattung und -artDeutscher Pflanzenname
Anthericaceae – GrasliliengewächseAnthericum ramosumÄstige Graslilie
Apiaceae – DoldenblütlerEryngium planumFlachblättriger Mannstreu

Lasioglossum nitidulum beim Pollensammeln auf Verbascum chaixii 'Album'
Lasioglossum nitidulum beim Pollensammeln auf Verbascum chaixii 'Album'

Dazu ist anzu­merken, dass der Nutzen ein­zelner Stauden­arten für Wild­bienen völlig unter­schied­lich ist. So ist Aster amellus (Berg-Aster, Kalk-Aster) beispiels­weise ledig­lich bei einer Bienen-Art (Osmia spinulosa) als Pollen­quelle belegt, Echium vulgare (Gewöhn­licher Nattern­kopf) hingegen bei 39 Bienen-Arten. Hummeln (Bombus) wiederum sind der­artig viel­seitig in ihrem Sammel­verhalten, dass Staudenpollen in Hummel-Nestern in dieser Aufstellung nicht berücksichtigt sind.

Wie viele Garten­stauden tatsäch­lich als Pollen­quelle für Wild­bienen dienen, lässt sich nicht beziffern. So wählerisch sind die Bienen nämlich auch wieder nicht (das können sie sich gar nicht leisten) und deshalb können wir davon ausgehen, dass fremdlän­dische Pflanzen­arten, die gute Pollen­lieferanten sind und in das Sammel­muster (Pflanzenfamilie/-gattung) der Bienen passen, ebenso attraktiv für sie sind wie einhei­mische Arten. An Galatella sedifolia 'Nana' (Sedum­blättrige Aster – an ihr sammelte Colletes similis, die Rainfarn-Sandbiene), Verbascum chaixii 'Album' (Chaix' oder Französische Königskerze – an ihr sammelte Lasioglossum nitidulum, die Glänzende Schmalbiene) und Platycodon grandiflorus 'Album' (Ballonblume, Ballonglocke – an ihr sammelte Chelostoma rapunculi, die Glockenblumen-Scherenbiene) habe ich das selbst beobachtet.

Grund­sätz­lich lässt sich sagen, dass die auf wenige Pollen­pflanzen fest­gelegten Bienen-Arten weitaus schwerer Ersatz für fehlende bzw. bereits abgeerntete Pollen­lieferanten finden als solche mit einem flexibleren Pollensammelverhalten. Am ehesten können Bienen-Arten auf Pflanzenarten aus den jeweils bevorzugten Familien und Gattungen ausweichen, die in Blütengröße, -farbe und-aufbau dem "Original" am ähnlichsten sind.

Chelostoma rapunculi (Männchen) auf Campanula persicifolia
Chelostoma rapunculi (Männchen) auf Campanula persicifolia

Die beliebten Herbst-Astern (Symphyo­trichum) übrigens werden zwar gern zum Nektar­tanken ange­steuert, sind aber als Pollen­lieferanten nur für ein paar wenige späte Wild­bienen nütz­lich. Trotzdem sollten sie in einem ausgewogenen und abwechslungsreichen Garten nicht fehlen, vor allem weil so gut wie alle erwachsenen Insekten Nektar brauchen. Es geht also nicht darum, nur gute Pollen- und Nektarlieferanten für Wildbienen zu pflanzen. Es geht darum, auch solche Pollen- und Nektarquellen anzubieten. Je mehr, desto besser für die Bienen. Nebenbei: Mit Ziergräsern ist keiner Wildbiene gedient. Aber deshalb darauf verzichten, obwohl man selbst Freude daran hat? Nein! Im Gegenteil: (Zier-)Gräser werden zum Erhalt anderer Insektengruppen durchaus gebraucht (Käfer und Falter beispielsweise). – Die Mischung macht's eben.

Lasioglossum calceatum (Weibchen) auf Galatella sedifolia 'Nana'
Lasioglossum calceatum (Weibchen) auf Galatella sedifolia 'Nana'

Stauden-Sorten und erst recht Auslesen werden als Pollenquelle ebenso akzeptiert wie die reinen Staudenarten. Wichtig für die Wild­bienen ist, auf gefüllt blühende Pflanzen zu verzichten; die machen es den Insekten schwer, an den Nektar zu kommen, und bieten zudem häufig gar keine Pollen mehr an, weil ihre Staubblätter zu Blütenblättern umgewandelt wurden und so für die fülligen Blüten sorgen. Extrem ist das bei vielen Pfingstrosen-Züchtungen (Paeonia).

Diese 145 Wildbienen-Arten – in Deutschland verschollene sind nicht enthalten – sammeln Pollen an einer oder mehreren der obengenannten Stauden (nach Westrich 2018):

Bienen-Gattung
und -Art
Deutscher BienennameHäufigkeit in DeutschlandVerbreitung in DeutschlandFlugzeit in Deutschland
Andrena bicolorZweifarbige Sandbienesehr häufigmehr oder weniger flächendeckendbivoltin: 1. Generation Anfang April-Ende Mai, 2. Generation Anfang Juli-Ende August
Andrena chrysopygaSandbienesehr seltenzerstreutunivoltin: Ende April-Ende Juni

Andrena flavipes (Weibchen) auf Eryngium giganteum
Andrena flavipes (Weibchen) auf Eryngium giganteum

Was für die Wild­bienen neben den "richtigen" Pflanzen noch ausschlaggebend ist, ist die Menge der vorhan­denen Pollen­lieferanten. Allein um eine einzige Larve mit Pollen auszu­statten, braucht beispielsweise die Mauerbienen-Art Osmia anthocopoides 164,1 Blüten von Echium vulgare, dem Gewöhnlichen Natternkopf (das entspricht 0,5 Pflanzen). Von Lythrum salicaria (Blutweiderich) benötigen die Blutweiderich-Langhornbiene, Eucera salicariae, 232,5 Blüten (0,2 Pflanzen) und die Esparsetten-Sägehornbiene, Melitta dimidiata, 245,9 Blüten (0,2 Pflanzen) (Westrich 2018 nach Müller et al. 2006).

Wenn ich mir also zehn oder 20 Staudenarten aus der obenstehenden Liste aussuche und jeweils eine Pflanze in den Garten setze, bringt das wenig. Konzentriere ich mich auf weniger Arten und pflanze die in größerer Stückzahl in den Garten, wird's schon besser, aber auch schnell monoton. Da wäre es doch das Sinnvollste, sich mit den Nachbarn zu einem zaunübergreifenden Wildbienen- und Insekten-Schlaraffenland zusammenzutun. Jedermanns Vorlieben werden dabei berücksichtigt, solange es dadurch straßenweise nicht nur Glockenblumen (Campanula) zum Beispiel gäbe.

Nistplätze der Wildbienen

Holzbienen sind richtige Brummer: Xylocopa violacea (Männchen) an Lavandula angustifolia
Holzbienen sind richtige Brummer: Xylocopa violacea (Männchen) an Lavandula angustifolia

Doch selbst so eine "Monokultur" käme einigen auf Glocken­blumen speziali­sierten Bienen-Arten gelegen, die dazu häufig in Sied­lungs­bereichen anzutreffen sind und dort auch nisten (Chelostoma-Arten – Scherenbienen). Denn mag das Pollen- und Nektarangebot noch so verlockend sein – wo sie nicht ganz in der Nähe ihr Nest bauen können und das dazu nötige Material finden, haben Bienen nichts davon. Hummeln (und Honigbienen) sind die Ausnahme, sie können mehrere Kilometer zwischen Nest und Pollenquelle pendeln. Xylocopa (Holzbienen) sowie einige größere Arten der Gattung Andrena (Sandbienen) und Lasioglossum (Schmalbienen) finden immerhin noch aus über einem Kilometer Distanz zurück zum Nest, doch das Gros der Wildbienen-Arten bleibt deutlich unter einem halben Kilometer Luftlinie; eine maximale Entfernung von um die 100 Meter ist keine Seltenheit.

Beim Aufspannen versehentlich zerstört: Mauerbienen-Nest in einem Sonnenschirm
Beim Aufspannen versehentlich zerstört: Mauerbienen-Nest in einem Sonnenschirm

Die kleinsten Wild­bienen-Arten sind übrigens gerade mal 4-5 mm groß, die größten (Xylocopa – Holz­bienen) über zwei Zenti­meter, fast an die drei. Dazwischen gibt's alle Größen.

Nun ist es allerdings beileibe nicht so, dass alle Bienen-Arten in gleicher Weise nisten. Das wäre zu einfach. Ganz grob lassen sie sich einteilen in die unterirdischen Nister und die oberirdischen, wobei jedes Nest in der Regel (es gibt Ausnahmen) nur einmal benutzt wird; andere Bienen-Arten ziehen jedoch als "Nachmieter" in verlassene Nester.

Die "Unterirdischen" (das ist die Mehrheit) graben selbst mit ihren Mundwerkzeugen Nistgänge in die Erde oder legen ihre Nester in vorgefundenen Hohlräumen an (verlassene Nester anderer Insekten, alte Mäusegänge u. Ä.). Die Selbstgraber haben wiederum genaue Vorstellungen davon, wie der Boden beschaffen zu sein hat, in den sie Gänge graben: sandige, lehmige, steinige Erde oder egal, ohne Bewuchs, mit Bewuchs oder mit spärlichem Bewuchs, eben, leicht schräg, steil abfallend oder egal – für alles gibt es Fans.

Osmia bicolor baut in leere Schneckenhäuser und drapiert Stängel drumherum
Bitte solche "Scheiterhaufen" nicht demolieren: Osmia bicolor baut in leere Schneckenhäuser und drapiert Stängel drumherum

Die "Ober­irdischen" nagen zum Beispiel Gänge in mark­haltige Stängel von Brom­beere, Him­beere (Rubus), Königs­kerzen (Verbascum), Beifuß (Artemisia), Herz­gespann (Leonurus cardiaca), Holunder (Sambucus niger) … oder beziehen Stein­ritzen, leere Schneckenhäuser, Totholz und hohle Stängel, die für jede so nistende Bienen-Art einen individuellen Innen- bzw. Lochdurchmesser haben müssen, der sich zwischen 2 und 9 mm bewegt; die Länge sollte schon wenigstens 15 cm betragen. Die Schneckenhäuser für etliche Mauerbienen-Arten (Osmia) müssen ebenfalls eine bestimmte Größe haben; leere Gehäuse der recht häufig vorkommenden Garten-Bänderschnecke (Cepaea hortensis) etwa sind optimal.

Nistplatz für etliche Mauerbienen (Osmia): Gehäuse der Garten-Bänderschnecke
Garten-Bänderschnecke (Cepaea hortensis)

Nisthilfen nehmen die wenigsten Arten an, doch einen Versuch sind sie wert, sofern sich rings um den Garten so rein gar keine natürliche Alternative bietet. Brauchbare Nisthilfen für Wildbienen und andere Insekten – ob selbst gefertigt oder gekauft – sollten strenge Anforderungen erfüllen. Wer sich in dieses Thema reinfuchsen möchte, dem bieten die Internet-Seiten www.wildbienen.info (mehrere Kapitel) und www.wildbienen.de (Startseite zu mehreren Detailseiten) eine gute Hilfestellung von Experten auf diesem Gebiet (keine Händler!).

Heriades truncorum (Weibchen) auf Rudbeckia subtomentosa
Heriades truncorum (Weibchen) auf Rudbeckia subtomentosa

Um ihre Nester bauen zu können, brauchen manche Wildbienen-Arten Baumaterial, das sie in einem nicht "überpflegten" und "klinisch reinen" (Frage: Wer hat denn eigentlich dafür die Zeit?) problemlos finden: kleine Steinchen, Sandkörnchen, dürre Zweige, Blätter und Stängel, Blütenblätter, Harz, (Pflanzen-)Mörtel und Pflanzenhärchen zum Beispiel.

Wenn man so rein gar nicht weiß, ob und wenn Ja, was sich im Garten tummelt, kann man auch erst mal nach dem Prinzip "Trial and Error" ganz einfache und kostenlose Nisthilfen in Form von alten Königskerzen-Stängeln (Verbascum) und Bambus-, Schilf- oder Riesen-Chinaschilf-Röhrchen (Miscanthus x giganteus) mit verschiedenen Lochdurchmessern anbieten und beobachten, ob sie besiedelt werden. Etliche häufige und weit verbreitete Bienen-Arten, die auch an den genannten Stauden sammeln, sind damit zufrieden.

Wildbienen, die an Garten-Stauden Pollen sammeln und Nisthilfen akzeptieren

Garten-Stauden als PollenquelleSammelnde Bienen-ArtHäufigkeit in DeutschlandVerbreitung in DeutschlandPollensammelverhalten allgemein
Centaurea scabiosaAnthidium nanumseltennördlich bis zum Rand der Mittelgebirge und nordöstliches Tieflandoligolektisch auf Asteraceae (Korbblütler)
Echium vulgareCeratina chalybeaseltennur zerstreut im Südwestenpolylektisch (6 Pflanzenfamilien)
Jasione laevis
Dianthus carthusianorum

Bienen-ArtDeutscher BienennameNistplatzFlugzeit in Deutschland
Anthidium nanumDistel-Wollbieneabgebrochene markhaltige, dünne Stängel, etwa Verbascum (Königskerze), Cirsium (Distel) etc.; auch in Schilfhalmenunivoltin: Anfang Juli-Mitte August
Ceratina chalybeaGroße Keulhornbieneselbst genagte Hohlräume in markhaltigen Stängeln z.B. von Rubus (Brombeere), Verbascum (Königskerze), Lavatera (Strauchpappel)univoltin: je nach Witterung ab Ende April
Ceratina cucurbitinaSchwarzglänzende Keulhornbieneselbst genagte Hohlräume in dünnen, dürren, markhaltigen Stängeln etwa von Verbascum (Königskerzen), Rubus (Brombeere), Artemisia (Beifuß)univoltin: ab Ende Mai/Anfang Juni

Megachile centuncularis (Weibchen) an Baptisia australis
Megachile centuncularis (Weibchen) an Baptisia australis

Nichts kann die natür­lichen Habitate (Lebens­räume) der Wild­bienen erset­zen. Aber unsere Gär­ten können sie ergän­zen und sind ein Bau­stein zum Erhalt der Arten­vielfalt. Am wohlsten fühlen sich die Bienen im offenen Land, Brachflächen – selbst in Städten – sind für manche Arten ebenfalls ein Refugium, weil sie Pollenquellen und Nistmöglichkeiten bieten. Wenig hilfreich für Insekten sind dagegen Flächen in der Natur, die brach liegen und an denen rein gar nichts gemacht wird. Sie verbuschen sehr rasch, Sträucher und Bäume gewinnen dann die Oberhand und verdrängen niedrige Blütenpflanzen. Für große und kleine Säugetiere sowie Vögel werden daraus ideale Rückzugsgebiete, die meisten Insekten aber haben nichts davon. Städte und Kommunen handhaben das gern so; sie denken, nichts zu tun, sei genug getan. Leider zu kurz gedacht.

Flugzeit der Wildbienen

Flugzeit Mitte Mai bis Ende Juni. Wenn ich das gelesen habe, dachte ich anfangs immer: "Und was machen die den Rest des Jahres?" Inzwischen habe ich es verstanden: Sie sind tot!

Andrena haemorrhoa (Weibchen) anfang September an einer Efeu-Blüte
Andrena haemorrhoa (Weibchen) Anfang September an einer Efeu-Blüte

Tatsächlich fliegen die einzelnen Wildbienen-Arten viel­fach nur kurze Zeit, die Weib­chen nur so lange, wie sie zum Nest­bau und Able­gen der Eier brauchen, die Männ­chen bis kurz nach der Paarung. Dann haben sie ihre Auf­gabe – den Art­erhalt – erfüllt und sterben. Gekoppelt ist ihre Flugzeit natürlich auch an die Blühzeiten der Pollenquellen und die Witterung, weshalb es immer nur Circaangaben geben kann. In Jahren mit solch heißen, langen Sommern wie 2018 kommen selbst Wildbienen durcheinander: Andrena haemorrhoa fliegt normalerweise von Anfang April bis Anfang Juni, doch 2018 war sie Anfang September beim Nektartanken am Efeu zu beobachten. Oder Andrena cineraria, deren übliche Flugzeit April und Mai ist, die 2018 aber Mitte Oktober auf Galatella sedifolia 'Nana', der Sedumblättrigen Aster, herumturnte.

Andrena cineraria (Weibchen) auf Galatella sedifolia 'Nana' Andrena cineraria (Weibchen) Mitte Oktober auf
Galatella sedifolia 'Nana'

Je nach Bienen-Art gibt es pro Jahr eine oder zwei neue Genera­tionen. Uni­voltin nennt man Arten mit in der Regel einer, bi­voltin Arten mit zwei Genera­tionen im Jahr. Über den Winter kommen sie ganz unter­schiedlich: als Weib­chen und Männ­chen vor der Paarung oder als begattete Weibchen (diese erwachsenen Tiere waren also schon mal unterwegs), als (Ruhe-)Larve, als Puppe oder als ausgewachsenes Insekt vor dem Schlüpfen. Man muss sich das mal vorstellen: Da sind die Bienen fertig entwickelt und hocken trotzdem ein halbes oder Dreivierteljahr in ihren Nestern, bis sie losfliegen.

In manchen Fällen muss man also schnell sein, um eine Art beobachten zu können, weil sie jedes Jahr nur vier oder sechs Wochen fliegt. Und das Wetter muss in dieser kurzen Zeit passen, denn Wildbienen sind Sonnenanbeter. Wenige Hartgesottene (Bombus, Osmia cornuta) fliegen auch bei 10 °C, größtenteils brauchen sie aber höhere Temperaturen von 16 °C und mehr. Regen und stärkerer Wind verhindern die Flugaktivitäten ebenfalls.

Soziale Ader der Wildbienen

Die meisten Wild­bienen-Arten sind Einzel­gänger (Solitär­bienen). Jedes Weib­chen betreibt den Nest­bau und die Aus­stattung der Larven mit Pollen (und anderen Substanzen) also für sich. Nur wenige Arten entwickeln verschiedenartige Sozialgefüge (enger oder lockerer), innerhalb derer sich mehrere Weibchen zusammentun und sich um die Fortpflanzung und ums Nisten kümmern. Besonders stark ausgeprägt ist dieses Sozialverhalten (die Arbeitsteilung) zum Beispiel bei den Hummeln (Bombus), die richtige Völker gründen, so ähnlich wie wir das von den Honigbienen kennen: Königin, Arbeiterinnen, Drohnen (Männchen). Nur mit dem Unterschied, dass eine Hummel-Königin im Gegensatz zu einer Honigbienen-Königin notfalls wieder selber sammeln und damit auch allein, also ohne ihr Volk, überlebensfähig wäre.

Das ist jetzt mehr als vereinfacht dargestellt, sollte es im Kern jedoch treffen. Es geht hier ja nur darum, dass Sie "schon mal davon gehört" haben.

Eine der Kuckucksbienen: Sphecodes albilabris (Weibchen) auf Solidago virgaurea
Eine der Kuckucksbienen: Sphecodes albilabris (Weibchen) auf Solidago virgaurea

Und dann gibt es da noch die­jenigen Bienen-Arten, die fast nichts tun und andere für sich arbeiten lassen: die soge­nannten Kuckucks­bienen. Diese Bienen sind auf eine spezielle Wirts­biene bzw. spezielle Wirts­bienen fixiert, in deren Nester sie ihre Eier schmuggeln. Die sich daraus ent­wickelnden Larven töten das Ei oder die Larve der Wirtsbiene und ernähren sich vom vorgefundenen Pollenproviant. (sogenannte Brutparasiten). Oder aber der Nachwuchs der Kuckucksbienen wird von den Wirtsbienen mit aufgezogen (sogenannte Sozialparasiten).

Solche "Einrichtungen" wie Brutparasiten sind in der Natur durchaus sinnvoll, denn sie verhindern eine Überpopulation bestimmter Bienenarten. Wo also eine Kuckucksbiene beobachtet wird, kann man getrost davon ausgehen, dass auch eine Wirtsart nicht weit ist, ohne deren Unterstützung sich so ein Schmarotzer ja nicht fortpflanzen könnte, weil er kein Nest für seine Brut zustande brächte.

Weitere Antagonisten der Wildbienen gibt es en masse; diese anderen Insektenarten alle anzuführen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Bienenglück per Mouseklick

"Ich glaub', das ist mir alles zu viel. Da kauf' ich mir doch lieber ein Bienenhotel mit Larven, hab' meine Freude daran und Gutes getan!"

Nicht mehr ganz taufrisches (ausgebleicht, abgeflogen) Weibchen von Osmia bicornis
Nicht mehr ganz taufrisches (ausgebleicht, abgeflogen) Weibchen von Osmia bicornis

Dieser Gedanke geht komplett in die falsche Richtung, meine ich. Angeboten werden nämlich gerade die in ihren Ansprüchen flexiblen und "pflegeleichten" (und sehr attraktiven!) Mauerbienen-Arten Osmia bicornis (Rostrote Mauerbiene) und Osmia cornuta (Gehörnte Mauerbiene), die in Deutschland ohnehin noch häufig und weit (O. cornuta) bis flächendeckend (O. bicornis) verbreitet sind. Mit ihrer Zucht für Privatpersonen wird unter Umständen das fragile ökologische Gleichgewicht weiter gestört (im Erwerbsgartenbau werden nämlich bereits extra gezüchtete Mauerbienen eingesetzt) und einer Überpopulation dieser beiden Mauerbienen-Arten Vorschub geleistet. Zumal beide – und das ist besonders bedenklich – keine Gegenspieler in Form von Kuckucksbienen haben. Sie könnten dadurch bald zu ähnlich massiven Nahrungskonkurrenten für andere Wildbienen-Arten werden wie die Hochzuchtrassen der Honigbiene in der modernen Imkerei.


Literatur:

Andrena denticulata (Weibchen) auf Solidago 'Strahlenkrone'
Andrena denticulata (Weibchen) auf Solidago 'Strahlenkrone'









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Da war was!