In Deutschland ist ein regelrechter Hype um einheimische Pflanzen für den Garten entstanden, das geht so weit, dass Samen und Jungpflanzen von solchen Pflanzen verkauft werden, die gemeinhin unter dem Sammelbegriff "Unkraut" laufen, Hauptsache, einheimisch. Alles was (ein-)

Invasiver Neophyt: Lamium galeobdolon subsp. argentatum (Garten-Goldnessel)
Wir sollten das Ganze – von der Gartenbesitzerseite und von der Gärtnerseite – etwas differenzierter und, ja, unaufgeregter betrachten. Denn es ist Quatsch, alle fremdländischen Pflanzen (Neophyten) in einen Topf zu werfen, alle zu verteufeln und aus dem Garten zu verbannen oder nicht einziehen zu lassen. Neophyten sind nicht per se "böse", es gibt nur einige, die können sich in unserer Kulturlandschaft derartig gut durchsetzen (wenn sie denn in die Natur gelangen), dass sie den Lebensraum einheimischer Pflanzen verkleinern; oder aber sie kreuzen sich mit einheimischen Arten, was den Fortbestand diese Arten ebenfalls gefährden kann. Das darf oder sollte nicht sein. (Liste mit den problematischen Neophyten in Deutschland vom Bundesamt für Naturschutz) Auf solche invasiven oder potenziell invasiven Neophyten sollte man im Garten verzichten, es gibt jedoch keinen Grund, auf alle Neophyten zu verzichten.
Königskerzenmönch auf Verbascum phoeniceum (Purpur-Königskerze)
Königskerzenmönch auf Verbascum chaixii (Chaix' Königskerze)
Neophyten sind auch nicht wertlos für unsere Insektenwelt und unsere Fauna allgemein, manche haben aber vielleicht weniger "Interessenten" als ihre bei uns einheimischen Verwandten oder einheimische Pflanzen allgemein. Aber im Grunde ist es zum Beispiel vielen Insekten egal, woran sie sich bedienen. So unterscheiden die Raupen des einheimischen Königskerzenmönchs (Cucullia oder Sharagacucullia verbasci) nicht, ob die Blätter, die sie verzehren, an einer einheimischen (Verbascum phoeniceum – Purpur-Königskerze) oder einer fremdländischen (Verbascum chaixii – Chaix' Königskerze) Königskerze hängen. Und für die meisten Bienen, Fliegen und Schmetterlingen spielt es keine Rolle, ob eine Aster aus Deutschland (Aster amellus – Berg-Aster, Kalk-Aster) oder aus Nordamerika (zum Beispiel Eurybia divaricata [Aster divaricatus] – Weiße Waldaster – oder Symphyotrichum laeve [Aster laevis] – Glatte Aster) stammt, solange der Blütenaufbau vergleichbar und das Angebot an Nektar und/
Aster amellus – Berg-Aster, Kalk-Aster
Eurybia divaricata (Aster divaricatus) – Weiße Waldaster
Viel wichtiger ist es, darauf zu achten, dass die Pflanzen im Garten einfache, für Insekten gut zugängliche Blüten haben und keine gefüllten (gefüllt blühende Sorten, also in der Regel züchterisch beeinflusste Pflanzen), bei denen zumeist Staub- oder Honigblätter in Blütenblätter umgebildet sind; solche Blüten bieten wenig oder keinen Nektar und Pollen und man kommt als Insekt an die wenigen Vorräte kaum ran.

Saponaria officinalis 'Plena' (Echtes Seifenkraut) – Blüten
Jetzt kommt's: Gefüllt blühende Sorten gibt es von in Deutschland einheimischen Stauden ebenfalls, nicht nur von fremdländischen. Beispiele sind Saponaria officinalis 'Plena' (Echtes Seifenkraut) und Achillea ptarmica 'Boule de Neige' (Sumpf-Schafgarbe, Bertrams-Garbe). Mit einheimischen Pflanzen kann man sich also ganz schön vertun.
Ein Neophyt ist eine Pflanze, die irgendwann nach 1492 (das wurde einst so festgelegt) durch den Einfluss des Menschen in ein Gebiet gelangt ist (auf welchem Weg auch immer), in dem diese Pflanze vor 1492 nicht natürlich vorkam. Das ist erst mal nicht weiter schlimm, aufpassen muss man allerdings, wenn solche Pflanzen in der Natur "sesshaft" werden und sich ohne Zutun des Menschen selbst erhalten (also nicht z. B. in Gärten oder Parks kultiviert werden); das schaffen nur sehr wenige der Neophyten. Neophyten werden auch als gebietsfremde, fremdländische oder allochthone Pflanzen bezeichnet.

Salvia glutinosa (Klebriger Salbei) ist in verschiedenen Regionen Bayerns und Baden-Württembergs einheimisch, aber im Saarland, in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen+Bremen und anderen Bundesländern ein Neophyt
Nicht nur fremdländische Pflanzen sind damit Neophyten, sondern auch in Deutschland einheimische Pflanzen können Neophyten sein, wenn beispielsweise eine Pflanze, die es vor 1492 in Deutschland nur in Bayern gegeben hat, nach 1492 durch den Einfluss des Menschen vielleicht in Hessen oder Brandenburg in der Natur aufgetaucht und dort geblieben ist. In Hessen und Brandenburg ist diese Pflanze damit ein Neophyt und dürfte also in keinem Bundesland außer Bayern in den Garten gepflanzt werden, wollte man konsequent auf Neophyten verzichten. Und selbst in Bayern ist nicht gesagt, dass die Pflanze flächendeckend vorkommt; man müsste also erst mal schaun, in welchen Ecken Bayerns sie tatsächlich natürlich vorkam.

In Deutschland ein Archäophyt: Bellis perennis (Gänseblümchen)
Und dann sind da noch die sogenannten Archäophyten, nach denen eigentlich kein Hahn mehr krähen sollte nach vielen, vielen Jahrhunderten. Aber so ist das nicht: Archäophyten sind alle Pflanzen, die in einem Gebiet ursprünglich nicht vorgekommen sind (die also nicht indigen sind), jedoch bereits vor 1492 unter direkter oder indirekter Mitwirkung des Menschen in dieses Gebiet gelangten (z. B. eingeschleppt wurden) und schon vor 1492 dort in der Natur Fuß gefasst und sich bis heute selbst erhalten haben (in der Regel alteingebürgerte Arten genannt). Das Komplizierte ist bei manchen Archäophyten allerdings die korrekte Trennung von den indigenen (den schon immer dagewesenen) Pflanzen; es gibt deshalb auch umstrittene Zuordnungen und Zweifelsfälle.

Indigen in allen Bundesländern in fast allen Regionen Deutschlands: Campanula rotundifolia (Rundblättrige Glockenblume)
Blieben nur die tatsächlich indigenen Pflanzen (diejenigen, die es in einem Gebiet von Anfang an gegeben hat), wenn man das mit dem Einheimisch-Fremdländisch richtig ernsthaft betreiben wollte, und auch die wiederum nicht für alle Gärten in allen Gebieten. Da sähe es ganz schön mau aus hinter den Gartenzäunen.
Schwierigkeiten gibt es bei dem ganzen Thema – wie sollte es anders sein – mit den Begrifflichkeiten (dem "Wording") wie eingebürgert, etabliert und einheimisch (vielfach fälschlich auch "heimisch" genannt), die mal so, mal so verwendet werden. Jeder Wissenschaftler und jedes Bundesland kocht da irgendwie sein eigenes Süppchen. "Eingebürgert" ist beispielsweise ein Synonym für "etabliert", wobei auf Bundesebene von "etablierten Neophyten" gesprochen wird, in Bayern jedoch von "eingebürgerten Neophyten".
Und eines setze ich bei all dem natürlich voraus: Das Verantwortungsbewusstsein der Gartenbesitzer. Sie sind es, die darauf achten, dass möglichst keine Samen von Neophyten (und Pflanzenreste schon gar nicht) in die Kulturlandschaft außerhalb des Gartens gelangen.
Wir, die wir ein Stückchen von der Erdscholle besitzen oder bewirtschaften, können – und sollten – einen Beitrag zum Arterhalt und den Erhalt unserer einheimischen Flora (und Fauna) leisten, aber wir müssen – vor allem: wir können – nicht alles ausgleichen, was andernorts verlorengeht, speziell an Lebensräumen. Da sind die gefragt, die mit und in unserer Kulturlandschaft arbeiten und die über sie entscheiden. Denn ob einem Bestand 30 oder 3 Quadratkilometer zur Verfügung stehen, das ist halt ein gewaltiger Unterschied. – Je weniger Fläche da ist, desto mehr fällt jede Art von Störung des ökologischen Gefüges ins Gewicht.
Wer das Thema vertiefen möchte, dem empfehle ich die Schriften des BfN (Bundesamt für Naturschutz – pdf-Download); für die Lektüre muss man allerdings Zeit mitbringen:
Schrift 731 (2025) Naturschutzfachliche Invasivitätsbewertungen und Gesamtartenliste der in Deutschland wild lebenden gebietsfremden Gefäßpflanzen
Schrift 710 (2024) In Deutschland wild lebende Archäobiota und deren Status im Naturschutz
Schrift 574 (Fortschreibung 2019) Die invasiven gebietsfremden Arten der Unionsliste der Verordnung (EU) Nr.1143/2014 – zweite Fortschreibung 2019

